Formenlehre

In den frühgeschichtlichen Epochen der verschiedenen Entwicklungen asiatischer Kampfschulung, die im heutigen Sinne noch nicht als Kampfkünste zu bezeichnen waren, existierte noch keine Formenlehre (Tul). Ebenso war das Prinzip des Partnertrainings noch nicht in dem Sinne entdeckt worden, wie es heute praktiziert wird. Die Übungen zwischen den Teilnehmern entsprachen von daher eher einem gnadenlosen Realkampf, der selbst die letzte Konsequenz — den Tod eines der Antagonisten — nicht ausschloss. So konnten weder die kriegerischen Offensiv- noch Defensivtechniken unter realitätsnahen Bedingungen geübt werden, ohne die Streitkraft des eigenen Heeres zu dezimieren. So erfand man noch vor den ersten, bis heute praktizierten, Partnerübungen die archaischen Übungsfiguren.

Jene Übungsfiguren, aus denen sich u. a. die heutigen Taekwondo-spezifischen Formen der Hyong, Poomse und die weniger bekannten Palgue entwickelt haben, wurden nach einem festgelegten und kampftechnisch logischen Schema konstelliert, demzufolge der Übende primär seine defensiven sowie offensiven Grundtechniken gegen mehrere imaginäre Gegner ausarbeiten kann.

Dieses Prinzip der logischen Schematik wird bis zu den in heutiger Zeit gelehrten Formen beibehalten. Aus archaischer Sicht sollten die Unterrichtsinhalte, welche der Schüler je Grad, also Ebene seiner Entwicklung, zu erlernen hat, in den Formen widergespiegelt werden. Da jedoch im Laufe der Zeit die Kampftechniken nicht nur verfeinert wurden, sondern deren Repertoire auch enorm zugenommen hat, können die Formen heutzutage lediglich als eine Zusammenfassung der wesentlichen Grundtechniken, jedoch in den verschiedensten Stellungen und beispielhaftesten Situationen, betrachtet werden. Dennoch haben die Formen auch im heutigen Unterricht, insbesondere der ausgefeilten und hohen Kampfkünste der verbliebenen traditionellen und der modernen Budo-spezifischen Lehren, einen hohen Stellenwert.

Leider findet seit einigen Jahren eine zum kritischen Nachdenken anregende Entwicklung statt, gemäß dieser Schulen und Vereine dazu tendieren, entweder primär den Wettkampf oder im anderen Falle die Formenlehre zu vermitteln. In beiden Fällen deklariert das einseitige, respektive schwerpunktmäßige, Unterrichtsprinzip die Kampfkunst lediglich zum Sport. Denn, wie bereits zu Beginn des von unserem Meister verfassten Fachbuches Kubayamashi-Do erklärt, ist es wichtig, Teilbereiche im Kontext der gesamten Lehre verstehen zu müssen, weil die Lehre weitaus mehr umfasst, als nur isolierte Kampftechniken. Natürlich besteht beim Partnertraining, insbesondere auch beim Sparring mit Kontakt, die Möglichkeit, das eigene Können zumindest auf physischer Ebene zu verbessern. Ebenso besteht auch die Möglichkeit — konzentriert man sich lediglich auf das Formentraining — Präzision sowie angemessene Dynamik, bestehend aus Kraft und Geschwindigkeit, in realistischer Weise üben zu können. Dennoch wird beim vorrangigen Wettkampftraining eine der wichtigsten Eigenschaften — die Konzentration — nur ungenügend aufgebaut. Ebenso läuft der reine Formenschüler Gefahr, im Laufe der Zeit den Bezug zum realistischen Anwendungsspektrum zu verlieren. Die Form wird so zum Selbstzweck und verliert im Wesentlichen an Bedeutung.

Auch hier behält der, in der Einleitung des benannten Buches proklamierte, Leitsatz „Begreift man die Philosophie in all ihrem Umfang, erschließt sich dem Lernenden ein Weg, das zu Erlernende mit einer Haltung zu internalisieren, welche die Form jeder einzelnen Technik in ihrer Dimension erweitert.“ seine Gültigkeit. Sogar mehr denn je, denn begreift man die Formenlehre weder lediglich als prüfungsrelevante und lästige Auflage, noch als rein ästhetische Sportart, sondern als den Bereich der Harmonie der verschiedenen Elemente des ganzheitlichen Unterrichts, so wird sie in höchstem Maße zur Konzentrationsübung und bringt somit die Beherrschung der mentalen Fähigkeiten an vorderster Stelle. Die hieraus gewonnene Kraft vereint nicht nur Geist und Körper, sondern befähigt den Übenden auch, trotz schneller körperlicher Handlungen, mit ausgeglichener Ruhe Wissen und Verstand zu vereinen und so bedachte Entscheidungen zu treffen, die nicht von unkontrollierter Hektik beeinträchtigt werden. Eine Eigenschaft, die in Momenten des realen Kampfes von bedeutender Tragweite sein kann — geht es darum, sich für die richtige Taktik zu entscheiden.

Kibon donyak

Kibon donyak heißt in die deutsche Sprache übersetzt „Grundschule“. Damit ist jedoch nicht die Grundschule der einzelnen Grundangriffs- oder Abwehrtechniken gemeint, sondern die Grundschule für die Formenlehre. Hierbei wird die erste traditionelle Form, Chon Ji, in ihre Grundsequenzen zerlegt und minutiös geübt. Der Übende konzentriert sich hierbei neben den präzisen Endpositionen der Techniken auf die richtige Durchführung deren Bewegungsansätze sowie die Dynamik der Schritt- und Richtungsänderungen. Ebenso wird die richtige Atmung während der Manöver geübt.

Übergreifend haben alle Formen, ob Kibon donyak, Hyong, Poomse oder Palgue, verschiedene technische, als auch darstellerische Eigenschaften gemein:

1.

Die vorgegebenen Schrittfolgen bringen den Übenden am Ende einer jeden Form grundsätzlich auf den Ausgangspunkt zurück. Deshalb endet jede Form immer auf den gleichen Koordinaten, auf denen der Übende zu Beginn der Durchführung seine Position bezogen hat. Hierdurch erlangt er eine primäre Kontrolle über die Präzision seiner Schritte.

2.

Jede Körperbewegung ist genauestens vorgegeben. Selbst die Blickrichtung zu Beginn einer jeden Aktion ist festgelegt. Sie richtet sich in der Regel nach der Richtung, aus welcher der imaginäre Gegner dem Übenden, seinem Kontrahenten, begegnet. Eine entsprechende Einhaltung der Körperhaltung sowie der Blickrichtung ist von daher zwingend erforderlich.

3.

Die Angriffs- und Verteidigungstechniken sind ausgewogen auf den Einsatz beider Körperseiten ausgelegt. Dies gilt für die Armtechniken ebenso wie für die Beintechniken. Hierdurch wird gewährleistet, dass der Übende keine einseitigen Fähigkeiten erwirbt, von denen er nicht in der Lage ist, sie mit der anderen Körperseite durchzuführen.

Im Bereich der anfänglich einfacheren Formen erfolgt die ausgewogene Verteilung, indem sich alle Techniken, die zunächst zur linken Kampfrichtung durchgeführt werden, zur rechten Kampfrichtung, also seitenwechselnd, wiederholen.

4.

Da es sich bei den einzelnen Grundtechniken überwiegend um Abwehr- oder Angriffstechniken handelt, die realistischen Charakter haben sollen, ist die Durchführung jeder einzelnen Bewegung bereits im Ansatz mit angemessener und zuvor festgelegter Kraft zu vollziehen.

Jedoch implizieren die Formen auch zahlreiche — unter anderem auch langsame — Konzentrations-, Spannungs- und Entspannungsmomente. Deshalb wird nicht jede Technik zwangsläufig mit maximaler Kraft und Geschwindigkeit durchgeführt. Eine genaue Beachtung der vorgegebenen Kraftverhältnisse und Geschwindigkeiten ist unerlässlich.

5.

Die Übung darf weder steif, noch verkrampft wirken. Trotz dem Einsatz hoher Kraftmomente muss die Form fließend und in einem ausgewogenen Rhythmus durchgeführt werden. Ebenso gehört zur richtigen Durchführung der Körperbewegungen auch der richtige Atemrhythmus. Die Körperbewegungen und die Atmung sollten harmonisch auf den Herzrhythmus abgestimmt sein, was jedoch nicht heißt, dass Aktion, Atmung und Herzschlag im Verhältnis 1:1:1 stehen.

6.

Um die Form auch wirklich beherrschen zu können ist es erforderlich, dass der Übende jede einzelne Grundtechnik sowie die Logik der Kombination verschiedener Techniken, beherrscht und im vollen Umfang versteht. Denn nur so kann der Schüler nicht nur mit größtmöglicher Konzentration die Form üben, sondern sie auch kognitiv authentifizieren.

7.

Zusätzlich zur physisch zu bewältigenden Technik stellt jede Form eine mit einen philosophischen Grundgedanken versehene Performance dar. Der Übende muss sich des jeweiligen Grundgedankens bewusst sein und versuchen, die hervorzuhebenden Charakteristika dieses Grundgedankens — meist Tugenden oder Eigenschaften — in seiner Form darstellerisch umzusetzen. Dies gilt auch für die traditionellen Formen, welche vorrangig historische Heldenfiguren des koreanischen Volkes repräsentieren.

In diesen Fällen gilt es die wesentlichen Eigenschaften, welche die Helden als solche definieren, respektive jene Eigenschaften, welche maßgeblich für die historischen Gegebenheiten benennenswert sind, darzustellen. Eine entsprechende Interpretation der Form ist somit erforderlich, denn sie verrät, ob der Übende lediglich in der Lage ist, Bewegungsabläufe bestmöglichst nachzuahmen oder ob er tatsächlich in der Lage ist, die Form zu seinem Eigen zu machen.

8.

Abschließend gilt, wie schon in den vorangegangenen Bereichen, auch im Bereich der Formen, dass ein Schüler erst die Übung der nächsten Form aufnehmen darf, wenn die letzte zu lernende Form von ihm in angemessener Weise beherrscht wird.

Von der Definition der „vollkommenen“ Beherrschung ist auch an dieser Stelle abzusehen, da die hiermit zwangsläufig in Verbindung zu bringende Perfektion der Form, wie auch im Bereich der Grundschule, immer nur annähernd, jedoch niemals vollkommen erlangt werden kann.

Deshalb müssen alle Formen, gemäß der gleichen Erkenntnisse über die Gesetzmäßigkeiten der Grundschule und ihrer Beherrschung, immer wieder mit gleicher Beachtung und Intensität gewissenhaft geübt werden. Das ansonsten belanglose Ablaufen der Bewegungsfolgen einer Form würde sonst bald zum Verlust der Details und somit der Form an sich führen.



Hyong

Die traditionelle Formenlehre (Hyong) dient nicht nur — wie oftmals ein Gedicht im Deutschunterricht — der fachlichen Allgemeinbildung, als Prüfungsinhalt oder konkurrenzfähige Kür bei sportlichen Vergleichen, sondern soll den Übenden auch befähigen, das Wesentliche der Situation zu erkennen, seine Konzentrationsfähigkeit darauf auszurichten und diese so zu stärken. Unser Formenunterricht vermitteln deshalb nicht nur die Choreographie der Formen, sondern auch die kämpferischen Belange der mentalen Haltung während des Formenlaufens sowie der körperlichen Umsetzung der einzuhaltenden Grundspannung, Bewegungsdynamik und –kontrolle sowie die Differenzierung der kämpferischen Sequenzen. Die dadurch entstehende Synergetik von Konzentration, Atemkontrolle und kämpferischem Ausdruck vermittelt den Unterrichtsteilnehmern jene Authentizität, welche die geübte Form auf eine höhere Ebene bringt. Sie transzendiert die Belange der darstellerischen Künste weit über Prüfungen und Wettkämpfe hinaus.

Unser Vereinsunterricht umfasst alle 24 Hyongs des Taekwon-Do. Sämtliche Bewegungsdetails werden während des Unterrichts explizit erörtert, in grundschulischen Vorbereitungen geübt, zusammengefügt, sequenziert und letztendlich synergetisch miteinander verbunden. Als Ziel sollen die Unterrichtsteilnehmer die Form nicht nur körperlich beherrschen, sondern ihren Charakter auch tatsächlich empfinden.

Im Wesentlichen stellen die Abläufe der einzelnen Hyong stets einen Kampf gegen mehrere imaginäre Gegner dar. Ihre Bezeichnungen, ihre Namen, huldigen stets philosophische Aspekte der koreanischen Kultur, insbesondere welche im Zusammenhang mit historischen Persönlichkeiten oder Ereignissen zu assoziieren sind. Die Interpretation der einzelnen Hyong sollte entsprechend der jeweiligen Assoziation vollzogen werden — läuft man also beispielsweise die erste Hyong, so stellt die Performance die Beherrschung der am Anfang stehenden (Grund-)Kenntnisse dar.


1.Chon-JiHimmel und Erde.
2.Tan-GunNach dem heiligen Tan Gun, Gründer von Korea im Jahre 2333 v. Chr.
3.To-SanNach dem koreanischen Freiheitskämpfer; Pseudonym des Ahn­Chang­Ho (1876 ­ 1938).
4.Won-HyoNach dem Mönch der in der Silla-Dynastie im Jahre 686 den Buddhismus verbreitete.
5.Yul-KokNach dem koreanischen Philosoph; Pseudonym des Gelehrten Yi-I (1536 ­ 1584 n.Chr). Die 38 Bewegungen beziehen sich auf seinen Geburtsort auf dem 38. Breitengrad.
6.Chung-GunNach dem Patrioten An Joong-Gun der den 1. japanischen Generalgouverneur von Korea ermordete. Die 32 Bewegungen stehen für sein Alter bei seiner Hinrichtung im Jahre 1910 im Gefängnis von Lu-Shung.
7.Toi-GaeNach dem koreanischen Gelehrten im 16. Jahrhundert. Die 37 Bewegungen beziehen sich auf seinen Geburtsort auf dem 37. Breitengrad.
8.Hwa-RangNach der koreanischen Jugendgruppe der Silla-Dynastie, welche bei der Vereinigung der drei Königreiche von Korea half.
9.Chung-MuNach dem 19. König der Koguryo-Dynastie. Er galt im Jahr 1592 n.Chr. als Erfinder des 1. gepanzerten Kriegsschiffes, der Vorläufer des heutigen Unterseebootes.
10.Kwang-GaeNach dem 19. König der Koguryo Dynastie, welcher die verlorenen Gebiete der Mandschurei zurückeroberte.
11.Po-EunNach einem Physiker der Koro-Dynastie; Pseudonym des königstreuen Dichters Chong­Mong­Chue.
12.Gae-BaekNach dem General der Paek-Chae Dynastie mit hoher militärischer Disziplin.
13.Eui-AmPseudonym des Patrioten Son Byong Hi der am 1.3.1919 die koreanische Unabhängigkeitsbewegung führte.
14.Chung-YangNach dem koreanischen General, genannt Kim­Duk­Ryan.
15.JuchheEntsprechend der philosophischen Vorstellung, der Mensch beherrsch und entscheide als Herr der Welt und seines eigenen Schicksals alles was ihn betrifft.
16.Sam-IlEntspricht dem historischen Datum des koreanischen Volksaufstands und Unabhängigkeitstages am 1.3.1919. Die 33 Bewegungen sind die 33 Patrioten, die diese Bewegung geplant haben.
17.Yu-SinNach dem General Kim­Yu­Sin, der 668 das dreigeteilte Korea vereinigte. Die 68 Bewegungen entsprechen den letzten beiden Ziffern des Jahres 668 n.Chr. in dem Korea vereinigt wurde.
18.Choi-YongName von General Choi Yong, Premierminister und Oberbefehlshaber der Streitkräfte in der Koryo-Dynastie Er war wegen seiner Loyalität, seines Patriotismus und seiner Bescheidenheit bekannt. Er wurde von seinen Untergebenen unter Führung von General Yi Sung-Gae, der später der 1. König der Yi-Dynastie wurde, hingerichtet.
19.Yon-GaeName von General Yon Gae-Somun der Koryo-Dynastie. Die 49 Bewegungen entsprechen den letzten beiden Ziffern des Jahres 649 n.Chr. in dem er die Dang-Dynastie aus Korea vertrieb.
20.Ul-­JiNach dem koreanischen General Ul-Ji Mun Duk dem es im Jahre 612 n.Chr. gelang Korea gegen eine chinesische eine Millionen Mann starke Invasionsarmee zu verteidigen.
21.Mun-MuName des 13. Königs der Silla-Dynastie. Die 61 Bewegungen der Tul entsprechen den letzten beiden Ziffern des Jahres 661 n.Chr., in dem Mun Mu den Thron bestieg.
22.So-SanPseudonym des bekannten Mönchen Choi Hyung Ung (1520-1604 der Yi-Dynastie. Die 72 Bewegungen stehen für sein Alter, als er eine Armee von Mönchen organisierte. Diese Armee half mit die japanischen Banditen zu schlagen die 1592 den größten Teil der koreanischen Halbinsel überfielen.
23.Se-YongNach dem größten koreanischen König und Erfinder des koreanischen Alphabetes im Jahr 1443 n.Chr. Die 24 Bewegungen stehen für die 24 Buchstaben des Alphabetes.
24.Tong-IlTong Il steht für die Entschlossenheit der Wiedervereinigung Koreas, das seit 1945 geteilt war.


Poomsae

Unser Vereinsunterricht umfasst alle 17 Poomsae des modernen Taekwon-Do. Sämtliche Bewegungsdetails werden während des Unterrichts explizit erörtert, in grundschulischen Vorbereitungen geübt, zusammengefügt, sequenziert und letztendlich synergetisch miteinander verbunden. Als Ziel sollen die Unterrichtsteilnehmer die Form nicht nur körperlich beherrschen, sondern ihren Charakter auch tatsächlich empfinden. Nähere Details zu dem Poomsae werden bei Gelegenheit an dieser Stelle dargelegt.

  1. Taeguk Il-Jang
  2. Taeguk I-Jang
  3. Taeguk Sam-Jang
  4. Taeguk Sa-Jang
  5. Taeguk Oh-Jang
  6. Taeguk Yuk-Jang
  7. Taeguk Chil-Jang
  8. Taeguk Pal-Jang
  9. Koryo
  10. Kumgang
  11. Taebaek
  12. Pyonwon
  13. Sipjin
  14. Jitae
  15. Chonkwon
  16. Hansu
  17. Ilyo

 

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